Lyrik

Die Lyrik ist oft aus konkreten Beobachtungen des Alltags entstanden. Neben Gedichten, die die Schönhiet der Natur feiern, gibt es auch viele zeitkritische Gedichte, die Probleme der Zeit aufs Korn nehmen, wie z.B. Bürokratie, Phrasenhaftigkeit, Kommunikationsschwierigkeiten oder fehlende Kompromissbereitschaft.

Die Hörgedichte wurden von Johanna Brückel vertont. 

Nähe und Distanz

Dein Maskenlächeln
betört
Dein Panzer aus Witz

Im Stacheldrahtverhau
von coolen Sprüchen
bist du geschützt

Ein Vogel
mit wirrem Flügelschlag
im goldenen Käfig
der Sehnsucht

Meine Hand
am Gitter ausgestreckt
spürt
den Vogelherzschlag
angstvoll zittern
bedrohlich trommeln
bevor ein Schnabelhieb
mich trifft

© Franz Kellermanns 2022

© Franz Kellermanns 2022

Entscheidung

Alles oder
nichts?

Nichts
ist dann alles,
was bleibt.

Geselliges Beisammensein

Ein Gast klingelt
tritt ein
hängt seinen Mantel auf
überreicht sein Geschenk
lobt die Einrichtung
kommentiert das Wetter
sucht Komplimente
findet sie:
nicht älter geworden
ewig jung
und die Figur
und die Frisur
lobt nur
A guest
sitzt fest
Kaffee oder Tee?
ein Stück Kuchen?
selbstgebacken
Sahne drauf
es hört nicht auf                

noch ein Stück
weist es zurück
kleckert
der Partner meckert,
redet
wird unterbrochen
redet
ist ja ein Mann
Frau kann schneller reden
lauter quatschen
länger klatschen
Gastgeberin
kümmert sich
eilt
neuen Kaffee                           
ein Bier?
Glas hier!                                 
kritisiert
sich, gesteht Mängel ein
will fehlerhaft sein
Gastgeberin sorgt
Gastgeberin rennt
Multitalent
strickt
dichtet
töpfert und webt, strebt
nach Höherem
malt, gibt Bücher raus

teilt ihre Texte aus
ohne Gnade
schade
signiert
deklamiert
wiederholt
für den tieferen Sinn
kein Chillen mehr drin!
Schon singen die Vöglein im Walde
Warte nur balde
Singst, dichtest, deklamierst
du auch

© Franz Kellermanns 2022

Traum

Auf schwankendem Seil
über Abgründe
gespannt
balancieren

Wer einen festen Punkt
fixiert,
erreicht das Ziel

Ordnungswidrigkeit

Der Löwe zahnt
goldgelb
bezwingt die Ritzen
Asphalt und Steinegrau bricht auf:
Unkräuterseligkeit

Bienenweiden:
da summt’s und brummt’s
da gaukelt elfenflügelleicht Zitronengelb
vorbei

Vorbei, vorbei
erfreut nur kurze Zeit
entfernt, gejätet, ausgerissen
als Ordnungswidrigkeit geschmäht,
was wir vermissen

 Das Gedicht ist aus aktuellem Anlass entstanden. 2017 wurde in Mönchengladbach Löwenzahn in der Rinne vor einem Hoftor als Ordnungswidrigkeit geahndet und bei Nichtbeseitigung ein Bußgeld in Aussicht gestellt.

© Franz Kellermanns 2022